Sonntag, 2. Oktober 2011

Die Woche der LETZTEN MALE

Sonntag: Zum letzten Mal mit allen Tschechien-ASF-Freiwilligen zusammen. Das letzte Seminar im Gutshof und Kulturzentrum Rehlovice haben alle noch einmal sehr genossen. Wann und wo auch immer wir 8 (bzw.6) Originale im Verlaufe des Jahres aufeinander gestoßen sind – es war immer sehr lustig!

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Montag: Zum letzten Mal Tschechischunterricht bei Tereza. Wie sie sich freut, als ich ihr erzähle, dass ich Slavistik als Nebenfach studieren werde! Ich fühle mich auf jeden Fall schon ganz gut vorbereitet… Später letztes Mittagessen mit p. Spunarová, die sich heute ungewohnt herzlich zeigt.

Dienstag: Zum letzten Mal Tandem mit Lída. Mir verschlägt es total die Sprache, als mir bewusst wird, dass das das allerletzte jener Treffen war, die für mich viel mehr waren als nur Sprechnachhilfe. Nämlich Geschichtsunterricht, Therapiesitzung, politische Diskussionsrunde, Lyrikzirkel, kulinarische Sternstunde, Satiregipfel, Literaturrunde, Seminar „Tschechien und Tschechen verstehen für Anfänger“ und in so mancher arbeitsreicher oder stinklangweiliger Woche ein echter Lichtblick.

Donnerstag: Letzter Besuch beim Ehepaar Fiala. Zum Abschied wünschen sie mir nur eins: Dass ich einen braven, netten Mann finde.... Ich wünsche den beiden nur eines: Dass sie noch lange und möglichst gesund ihrer Video- und Schallplattenleidenschaft frönen können!

Freitag: Zum letzten Mal mit p. Matiovská und p. Obrsliková unterwegs. Zur Feier des Tages führe ich die beiden zum Mittagessen aus. Heute kommt mir sogar ihr ständiges Gekabbel und Gezerfel liebenswert vor.

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Abends zum letzten Mal beim Shabbatgebet in der jüdischen Gemeinde. Just heute begegnen wir dort zum ersten Mal Menschen in unserem Alter! Warum nur…

Samstag: Letztes Treffen mit unseren Freunden Lukás und Familie, Jana und Martina. Sie alle sind zu unserer Abschiedsparty in unsere Wohnung gekommen. Außerdem der junge Slovake, den wir gestern in der jüdischen Gemeinde kennen gelernt haben und der jetzt mit seiner Gitarre spontan für die musikalische Untermalung dieses sehr schönen Abends sorgt.

Sonntag: Letzter Gottesdienst in der englischsprachigen Gemeinde. Außerdem erster und letzter Ausflug mit Teresas Kollegen aus der Effeta. Wir wandern von Lednice nach Valtice und nehmen an einer Weinprobe teil. Danach Abschied von selbigen Kollegen.

Montag: Zum letzten Mal besuchen wir unsere Kultstätten: das Teehaus, das Café Trojka, den Desert Music Club. Irgendwie kann ich es noch gar nicht fassen, dass Teresa mich morgen auch schon verlässt. Sie wird zwar lange nicht so weit entfernt sein wie die anderen, von denen ich mich diese Woche schon verabschiedet habe. Aber sie wird zukünftig einfach nicht mehr im Zimmer nebenan sein, wenn man dringend jemanden zum reden braucht. Auch unser gemeinsames Ausgehen, unsere spontanen Ausflüge wird es vorerst nicht mehr geben. Ich kann mir im Moment gar nicht vorstellen, dass ich mich daran je gewöhnen werde…

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Dienstag: Zum letzten Mal in der Wohnung. Die Tür ins Schloss fallen lassen, schnell umdrehen und gehen. Für die letzte Nacht ziehe ich ins Betreute Wohnen.

Mittwoch: Zum allerallerletzten Mal Dienst bei meinen Lieblingsklienten und –assistenten. Offiziell haben wir uns schon auf meiner Abschiedsfeier am Donnerstag verabschiedet. Wir haben am Stausee gepicknickt und es gab Geschenke für jeden.

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Einigen Klienten habe ich sogar schon vor den Ferien Lebewohl gesagt, weil nicht sicher war, ob wir uns noch einmal sehen. Es ist ein Abschied auf Raten, und genau das macht es so anstrengend. Natürlich will man jeden Abschied mit der ihm gebührenden Sentimentalität begehen. Schließlich sind mir all diese Menschen wichtig gewesen und ich werde sie alle vermissen. Das Mindeste, was man ihnen zuletzt an Respekt und Dank zollen sollte, ist ein tränenreicher Abschied. Aber nach über einer Woche im Zustand der Dauermelancholie bin ich körperlich wie psychisch am Ende einer Kräfte. Meistens ist man in diesen Abschiedsmomenten so davon in Anspruch genommen, den richtigen Eindruck zu vermitteln, die richtigen Worte zu sagen (die es in der Form meistens gar nicht gibt), dass man den Verlust in seiner ganzen Tragweite noch gar nicht zu fassen vermag. So macht sich in mir Erleichterung breit, dass sich der Marathon der LETZTEN MALE nun langsam einem Ende nähert. Dennoch bin ich froh, dass ich meinen letzten Abend hier im Kreise lieber Menschen beim tschechischen Nationalgericht vepro-knedlo-zelo und nicht etwa allein zu Hause verbringe.

Donnerstag: Abschied von Brünn und von den tschechischen Zügen. Ich strecke den Kopf aus dem Fenster und lasse mir den Wind durch die Nase und den Kopf pusten, bis der Petrov schon lange aus meinem Sichtfeld verschwunden ist.

Und, Eva, wie war´s in Tschechien?

Hody - Kerwevergnügen in Žebětin

Ich treffe recht spät ein, die Party ist schon in vollem Gange. Jana begrüßt mich überschwänglich und mit Umarmung, das ist sonst gar nicht so ihre Art. Aber heute ist Jana sichtlich gelöst, geradezu aufgedreht, genau wie alle anderen Besucher des gut gefüllten Jugendzentrums auch. Schließlich ist heute kein gewöhnlicher Tag. Heute sind die Hody in Žebětin, einem Stadtteil am Rande von Brno. Hody nennt man in Mähren die Kirchweih oder Kirmes, und die wird in diesen Breiten so laut und bunt gefeiert wie sonst nirgendwo. Und die Hody in Žebětin sind natürlich die besten. Das behaupten alle, die dieses gesellschaftliche Highlight schon mindestens einmal miterleben durften. Bereits Monate zuvor wurde ich eingeladen, und nach stundenlanden Vorschwärmen stand für mich auch bald fest, dass ich mir dieses Event auf keinen Fall entgehen lassen konnte.

Wir müssen nicht lange warten, da kommt auch schon David. Der sieht leider schon nicht mehr allzu frisch aus, was damit zusammenhängen könnte, dass die Feierlichkeiten schon gestern abend begonnen haben... Dabei hat David eine sehr wichtige Aufgabe; er spielt heute abend sozusagen den Mundschenk. Mit einer Fünf-Liter-Pulle billigen Weißweins und einem einzigen Glas läuft der durch den Raum. Wer etwas trinken möchte, dem macht er das Glas voll, und nicht selten schließt er sich aus Solidarität gleich an. Die Gläser sind recht klein, doch Achtung: Sie summieren sich im Laufe des Abends doch schneller, als man denkt! Zumal eine ganze Horde solcher Sommeliere im signifikanten weißen Leinenanzug herumrennen.

Da beginnt schon die erste Tanzdarbietung. An die dreißig Tanzpaare, die „stárky“, betreten das Tanzparkett in der Turnhalle, und mir fällt direkt mal die Kinnlade herunter: Alle stecken in einer traditionellen Tracht, die Mädels mit XXL-Puffärmeln und XXL-Reifröcken, die Jungs mit witzigen bunten Hüten auf dem Kopf.

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Die sind alle geliehen, erklärt Jana, leisten könne sich die aufwendig bestickten Gewänder niemand. Dann stimmt die Kapelle einen zünftigen Marsch an, die stárky stellen sich in kleinen Gruppen auf und beginnen zu tanzen, und zwar genauso, wie auf den Hody in Mähren schon seit vielen, vielen Jahren getanzt wird. Da wird im Kreis herum gewirbelt und immer wieder auf raffinierte Art und Weise der Tanzpartner gewechselt. Hier hat jeder Tanz, ja fast jeder Schritt seine Geschichte und Bedeutung. Was mich aber völlig überwältigt, ist die Tatsache, dass keiner der Protagonisten, weder unter den Tänzern, noch in der Blaskapelle, älter ist als 30 Jahre.

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In Deutschland sucht man eine solche Selbstverständlichkeit und Begeisterung bei Traditionspflege außerhalb Bayerns wohl vergeblich. Nach jedem Tanz stoßen alle Mädchen hohe, trillernde Töne aus, die sogenannten Juchzer. Am Ende der Tanzrunde folgt eine Art Sprechgesang: Einer ruft eine Frage in den Raum, die anderen antworten im Chor. Zum Glück sitzt die kompetente Eingeweihte Jana direkt neben mir und entschlüsselt das für mich rätselhafte Verhalten. Die Fragen sind jedes Jahr gleich und die Antworten einstudiert. Sie lauten „Wessen Hody sind das? – Unsere! Wessen stárky? – Unsere! Wie sind Schulden? – Sorgenvoll!“ Es folgt die Frage nach der Höhe des Baumes, der als Schmuck auf dem Marktplatz wie bei uns ein Maibaum aufgestellt wurde (25 Meter!) und nach den Namen des Hody-Prinzenpaares (Martin! Und Hana!), dann wird noch mal gejuchzt und die Tanzfläche für alle freigegeben.

Wer will kann jetzt Polka und dergleichen tanzen. Manchmal stellen sich auch alle im Kreis auf und singen Lieder, die irgendwie jeder kennt. Ein junger Mann sticht aus der Menge hervor: Er ist mindestens zwei Meter groß, hat Muskeln wie ein Actionheld und auch ungefähr das gleiche Mienenspiel. Ich frage Jana, ob sie ihn kennt. „Ja, natürlich... Der ist ein bisschen... seltsam. Er hat ein Hakenkreuz auf die Brust tätowiert!“

Da erzählt mir Jana leider nichts Neues. Rückblende: Gleicher Ort, drei Wochen zuvor. David hat uns zur allsamstäglichen Party im Jugendzentrum eingeladen, gerade haben noch die stárky für den großen Auftritt geprobt. Bald fließt das Bier in für Tschechien üblichen Mengen, die Leute spielen in der Turnhalle mit den großen Matten und dem Trampolin und tanzen drum herum.

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Der Hüne immer vorne mit dabei. Als ich das halb verdeckte Tatoo sehe, will ich meinen Augen kaum trauen, glaube an einen Irrtum. Ich frage nach. Das war ein Fehler. Bald schon muss ich mir eine Lobeshymne auf das deutsche Volk anhören, dass allen anderen, vor allem natürlich dem tschechischen, weit überlegen sei. Er selbst habe deutsche Wurzeln. Deutsch sprechen könne er freilich nicht. Er bemerkt mein Entsetzen und betont gleich, rassistisch sei er auch nicht, zumindest nicht Schwarzen oder Asiaten gegenüber. Mit den Zigeunern sei das natürlich etwas anderes. Was folgt ist die oft gehörte Leier von den faulen, dreckigen, kriminellen Roma. Mir fehlen zwar nicht die Argumente, wohl aber die Worte, zumal auf Tschechisch. In meiner Verzweiflung und aufkeimenden Wut im Bauch versuche ich es stattdessen mit einem bitterbösen skeptischen Blick. Zu meiner großen Überraschung funktioniert das; Mr Hakenkreuz will sich unbedingt erklären und redet sich dabei an die Wand. Er sei eigentlich schon gar nicht mehr so krass drauf wie früher. Als er sich das Tatoo stechen ließ, sei er noch jung und dumm gewesen. Und überhaupt sei das Hakenkreuz für ihn vor allem ein Symbol für den Kreislauf des Lebens. Aber mein Vorschlag, sich doch mal genauer mit Roma zu beschäftigen, vielleicht sogar mal mit einem zu reden, die seien nicht so schlimm, wie er denke, geht ihm dann doch zu weit. Mit einem Kopfschütteln wendet er sich ab. Ich atme erleichtert auf, aber der Abend ist mir verdorben.

Zurück auf den Hody. Auf dem Weg von der Toilette steht mir der Bodybuilder plötzlich im Weg. Wir stehen allein auf dem Flur, der Zugang zum Saal ist mir versperrt. Er lächelt nicht, schaut mich mit einem durchbohrenden Blick an. Dann nimmt er seine Weinflasche, schenkt ein Glas ein und streckt es mir hin. Ich zögere. Die Gedanken, die mir in genau diesem Moment duch den Kopf gehen, kommen mir im Nachhinein selbst ziemlich albern vor. Letztendlich habe ich das Glas ausgetrunken und auch gut vertragen. Diese Begegnung zu verarbeiten dauert ein wenig länger. Wollte er mich einschüchtern? Oder war es eine Versöhnungsgeste? Fest steht nur: Man sollte wirklich niemandem mit Vorurteilen begegnen, noch nicht einmal angeblichen Neonazis. Zumindest an einem so besonderen Tag wie heute.

Urlaub in Rumänien - Szenen aus einem faszinierenden Land

Rumänien und die Taxifahrer. Es ist ja nicht so, als wären wir nicht gewarnt gewesen. Seitenlang wird das Thema in allen Reiseführern behandelt und ausdrücklich zu besonderer Vorsicht gemahnt. Allzu leicht kann man als Tourist in einem fremden Land übers Ohr gehauen werden, und dann bezahlt man schon mal ein Vielfaches des eigentlichen Fahrpreises! Wagemut oder Naivität – kaum angekommen am Bahnhof von Timisoara, steuern wir auch schon zielstrebig den Taxistand an. Wir sind ganz stolz, dass wir dem Fahrer irgendwie kommunizieren können, wohin die Fahrt gehen soll, und los geht’s über die Straßen und Plätze der westrumänischen Großstadt. Bis der Wagen plötzlich hält. Sind wir schon da? Nein. Der Fahrer steigt aus und versucht uns wild gestikulierend zu erklären, dass die Straßennummer, die wir ihm auf einem kleinen Zettel unter die Nase gehalten haben, nicht existiert. Er schimpft, er zuckt die Achseln, er rauft sich die Haare – das Taximeter läuft weiter. Kein Mensch weiß, was passiert wäre, wäre nicht in just diesem Moment Radu aufgetaucht, unser Couchsurfinghost. Er erteilt dem Taxifahrer einen Anschiss, bezahlt die Fahrt und lotst uns zur richtigen Hausnummer, die eigentlich direkt an der Straße liegt. Zuerst zeigt der 29-jährige Programmierer uns seine Wohnung. Seine herzliche Gastfreundlichkeit lassen uns den etwas herben Empfang in Rumänien schnell vergessen: Wir dürfen das gesamte Wohnzimmer besetzen (kein Wunder, wir sind ja auch zu fünft) und sogar Stadtpläne hat K. für uns ausgeruckt. Dann muss er schnell wieder zur Arbeit, die er extra geschwänzt hat, nur um uns in Empfang zu nehmen. Wir machen uns also auf in Richtung Stadt. Timosoara gefällt: Rings um die Altstadt liegt ein Fluss und ein großzügiger Park. Im Stadtzentrum spielt sich das Leben hauptsächlich auf den drei großen Plätzen ab. Es gibt prunkvolle Barockhäuser à la Habsburgermonarchie, eine Synagoge und natürlich auch schon den christlich-orthodoxen Stil. Meine erste orthodoxe Kirche lässt mich beim Betreten laut Luft holen: So eindrucksvoll wirkt der dunkle, ruhige Kircheninnenraum mit seinen goldstahlenden Ikonen auf mich. Ein roter Teppich führt zu einem kleinen Marienbildnis, das permanent von Gläubigen geküsst wird. Die Menschen bekreuzigen sich auch auf der Straße, wenn sie an dem Gotteshaus auch nur vorbei gehen. Im gegenüber gelegenen McDonalds lernen wir gleich noch eine andere Seite Rumäniens kennen: Ein kleiner Romajunge (höchstens fünf Jahre) bettelt um Geld oder Essen.

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Abends treffen wir uns mit Radu in einem Restaurant, das direkt am Fluss gelegen ist. Wir lernen das vielleicht beste rumänische Bier, Timisoareana, sowie Radus Freunde kennen. Und Radu hat viele Freunde. Irgendwie fast alle, die im Laufe des Abends in den Biergarten treten, werden sofort an unseren Tisch gewinkt. Bald sind wir von einem Dutzend rumänischer Informatiker umringt. Unser Reiseplan weckt Erstaunen: „Fünf Mädchen reisen ganz allein quer durch Rumänien? Ob wir keine Angst hätten? Nein, sollten wir? Soweit fühlen wir uns wohl in Rumänien. Sehr sogar.

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Wir schlendern im schönsten August-Sonnenschein durch Sibiu, ehemalige Hauptstadt der in Rumänien lebenden Deutschen, der sogenannten Sachsen. Die Stadt ist ein Schmuckkästchen-herrschaftlich-barocke Stadthäuser mischen sich mit einer charmanten Heruntergekommenheit.

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In der Altstadt findet just an diesem Tag ein Folklorefestival statt. Die Straßen sind vollgestopft von Mädchen in rauschenden Tanzröcken, Jungs mit kecken Hüten auf dem Kopf, Musikanten mit Blechblasinstrumenten, Geigen, Akkordeons und Instrumenten, die ich in meinem ganzen Leben noch nicht gesehen habe. Die Gruppen kommen aus unterschiedlichen Teilen Rumäniens und aus der ganzen Welt. Fasziniert betrachte ich die jungen, aufgeregt plappernden Traditionsliebhaber: Keine zwei Trachten gleichen einander, aber alle verstehen es, das physische Kapital ihres Trägers gekonnt in Szene zu setzen. So anders als der Diskobesuch war das Dorffest damals auch nicht. Man amüsiert sich und sucht Anschluss, wobei das Äußere eindeutige Signale versendet.

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Schließlich setzt sich die Prozession in Bewegung, die Mitwirkenden bewegen sich tanzend und musizierend zum Marktplatz. Dort ist eine große Bühne aufgebaut, außerdem Scheinwerfer, Kabel, Kameras, Übertragungswagen- Wir sind Zeugen eines kulturellen Höhepunktes. Der Platz wimmelt von Menschen aller Altersgruppen. Die schlanke und sympathische Brünette, die durch den Abend führt, begrüßt alle Gäste wie alte Bekannte. Die langjährige Leiterin einer der auftretenden Tanzkreise feiert just heute Abend ihren achtzigsten Geburtstag. Es wird gesungen und eine feuerwerksgeschmückte Torte überreicht, woraufhin die Jubilantin, den Tränen nahe, eine bewegende Ansprache hält. Dann fasst sie ihr Tanzpartner bei der Hand, und die Tanzoma verlässt, sich beständig um die eigene Achse drehend, die Bühne. Der Rock wippt lustig mit.

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Die Bremsen quietschen, und langsam und ruckelnd kommt der alte Zug zum stehen. Jetzt gilt es nur noch, mit den schweren Reiserucksäcken den ca. einen Meter bemessenden Höhenunterschied zum Bahnsteig zu überwinden, und schon sind wir da: In Copsa Mica, laut Lonely Planet der hässlichsten Stadt Rumäniens. Diesem zynischen und gemeinen Urteil kann man bei näherem Hinsehen --- nur beipflichten.

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Warum wollen wir dennoch an diesen unheimlichen Ort??? Wollen wir ja gar nicht. Unser eigentliches Ziel ist ein kleines Dorf in der Nähe, in dem der Vater von meiner Mitreisenden Juli geboren wurde. Zunächst steht es schlecht um unser Vorhaben: Der Ort ist weder mit dem Zug noch mit dem Bus zu erreichen. Zum Glück hilft die Frau am Ticketschalter weiter: Sie bestellt uns ein Taxi. Wir warten auf dem staubigen Bahnhofsvorplatz mitten den streunenden Hunden, Annika: Vielleicht hätten wir sagen sollen, dass wir zu fünft sind? Da kommt auch schon unser Taxi.

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Der Fahrer steigt aus. Er sieht die fünf Mädchen. Er sieht die fünf schweren Reiserucksäcke. Er sieht seinen Wagen. Es ist ein Opel Corsa. Er legt die Stirn in Falten. Er kratzt sich am Kopf. Dann muss er plötzlich lachen: „Okay, we can try!“ Fünf Minuten vorsichtigen Herumhantierens und etliche Lachtränen später haben tatsächlich alle Passagiere und Gepäckstücke Platz gefunden.

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So kurven wir denn durch Siebenbürgen und sind wenige Minuten später in Valea Viilor, oder zu Deutsch: Wurmloch. Ob Einstein sich das wohl so vorgestellt hat? Eingebettet in die malerischste Landschaft, besteht das Dorf hauptsächlich aus einer großen Straße, auf der ab und zu der der ein oder andere Pferdewagen fährt. Den Mittelpunkt bildet eine große Kirchenburg, eine geniale Erfindung der Siebenbürgen: In einem solchen Gebäude kann man nicht nur Gottesdienst feiern, sondern auch im Angriffsfalle das ganze Dorf verschanzen.

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Hier haben nun also Julis Großeltern nun also einen großen Teil ihres Lebens verbracht. Ein Jahr nach der Geburt von Julis Vater wanderten sie nach Deutschland aus. Die alte Frau, die Besucher in die Kirchenburg einlässt, kennt sie noch persönlich. Sie weiß auch, wo sie wohnten, wer daneben wohnte, wer mit wem verwandt oder verschwägert war und wohin sie später alle auswanderten. Heute zählt die deutsche protestantische Gemeinde im Ort noch genau fünf Mitglieder, der nächste Gottesdienst ist für Weihnachten anberaumt. Seit die Kirchenburg zum UNESCO-Weltkulturerbe gehört, hat die Frau ein schweres Leben. Stundenlang beaufsichtigt sie täglich die Kirche und das kleine Museum, und wenn nach Ende der Öffnungszeiten weitgereiste Touristen vor verschlossenen Türen stehen, finden sie dort ihre Nummer. Dann schwingt sie sich aufs Rad und schließt noch mal auf. Wenigstens trägt sie dadurch dazu bei, dass ihr kulturelles Erbe nicht verloren geht. Während unser Privatshuttle uns bald aus der dörflichen Idylle des Wurmlochs wieder zu den Fossilien der Industrialisierung in Copsa Mica katapultiert.
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„Geht lieber nicht nach Bukarest. Da gibt es doch nichts zu sehen. Nur alle, die es in Rumänien nirgendwo zu etwas gebracht haben, tummeln sich irgendwann in der Hauptstadt.“ So hatten uns Radus Freunde noch wenige Tage zuvor gewarnt. Dennoch haben wir Bukarest nicht von unserem Reiseplan gestrichen – zum einen, weil es hier einen Flughafen gibt und zwei Mitreisende sich leider schon verabschieden müssen. Außerdem ist die Hauptstadt eines Landes fast immer interessant. Bukarest fasziniert durch seine Hässlichkeit. Sein Verfall ist nicht charmant wie an so vielen anderen Ecken Rumäniens, sondern wirklich abstoßend. Von den ohnehin schon nicht gerade pittoresken Plattenbauten bröckelt der Putz, aus den Hinterhöfen stinkt es nach den streunenden Hunden, die dort nach Essen suchen, Plätze sind von Tauben- und Parks von Entendreck übersät. Es gibt Strommasten, die sich vor Kabeln biegen, deren Enden völlig ungesichert in die Luft ragen.

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Es gibt Straßenschluchten, so tief, dass einem am Grunde das Atmen schwer fällt. Es gibt Straßenkreuzungen, so groß wie viele Fußballfelder, was die Orientierung als Fußgänger erheblich erschwert. Nichts passt zusammen: Hier versucht sich Bukarest groß und weltgewand, mit Hochglanzläden und Coffeeshops und großformatigen Werbetafeln an den Hauswänden, in einer Seitenstraße versteckt sich hinter Geröll und Bauschutt eine uralte orthodoxe Kirche. In der historischen Altstadt ist alles Authentische von einer dicken Schicht Touristenkitsch und überteuerten Ausgehlokalen überdeckt. Die Taxifahrer sind hier aufdringlicher als sonst wo, und sie verlangen horrende Preise für die kürzesten Wege. Wer sich nicht auskennt, ist aufgeschmissen. Aber am beängstigendsten ist vielleicht der Teil der Stadt, den der egomanische kommunistische Führer des Landes, Ceausescu, ersonnen hat. Ganze Viertel, darunter auch das jüdische, wurden dem Erdboden gleichgemacht, um dem Diktator eine Wohnstadt nach seinem Geschmack zu ermöglichen. Mit 5100 Zimmern und einer eigens errichteten Allee mitsamt angrenzenden Prachtbauten, die auf das monströse Gebilde hinführen.

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Als Stein gewordener Größenwahnsinn steht der Palast auch heute noch mitten in der Stadt und löst bei der Bevölkerung die unterschiedlichsten Gefühle aus, wird, je nach Standpunkt des Betrachters als ungeliebte Erinnerung an die Jahre der Unfreiheit oder als Beweis der Leistungsfähigkeit des Sozialismus angesehen. Schön ist er auf jeden Fall nicht. Aber es ist ein offenes Geheimnis, dass auch extreme Hässlichkeit als anziehend empfunden werden kann. In Bukarest ist dies der Fall. Die Stadt wirkt in all ihrer Schäbigkeit und mit ihren Ungereimtheiten fast surreal. Das stimuliert die Fantasie beim schlendern durch Straßen und über Plätze. Leicht lässt sich ausmalen, jede Ecke, jedes halbzerfallene Gebäude hätte eine Geschichte, eine spannende, voller Absurditäten und unvorhergesehener Wendungen. Bukarest ist ein Stadt zum fabulieren. Zum Wohnen eher weniger.

Und wieder die Taxifahrer. Kaum treten wir aus dem Bahnhof in Constanta, schon heften sie sich uns an die Fersen. Sie wollen partout nicht locker lassen. Wir aber haben aus bisherigen Erfahrungen gelernt und preschen direkt auf ein Maxitaxi zu. Maxitaxis sind Minibusse, die nach Bedarf an bestimmten Haltestellen stoppen, die Nummer 23 fährt zu unserem Campingplatz. Steht zumindest im Reiseführer. „Mamaia?“, fragt der Fahrer nur durch die geöffnete Fahrzeugtür, wir nicken, ja, in diesen Urlaubsvorort von Constanta wollen wir, und schwupp! Schon sind wir drin. Erst als wir sitzen, kommt uns die Idee, man hätte ja mal fragen können, ob der auch tatsächlich an unserem Campingplatz hält… Jetzt ist es zu spät. Was aber noch weitaus beunruhigender ist, ist die Anzahl an Menschen, die jetzt noch zusteigen. An jeder Station werden es mehr, bald schon ist jede Bewegung unmöglich geworden. Selbst wenn wir im richtigen Fahrzeug sitzen würden, hätten also keinerlei Chance, auch auszusteigen. Abgesehen davon, dass wir die richtige Haltestelle gar nicht erkennen würden. Das Maxitaxi fährt und fährt. Irgendwann werden wir unruhig und fragen unsere Mitreisenden, ob wir auf dem richtigen Weg sind. Da kommt Bewegung in die zusammengepferchte Menschenmasse. Englisch scheint niemand zu sprechen und den Campingplatz scheint auch niemand zu kennen. Aber der Zettel mit der Adresse wird herumgereicht und interessiert gelesen, es wird wild diskutiert und bald ist der ganze Bus in die Debatte verwickelt. Wir fahren an einem Campingplatz vorbei, „der könnte es gewesen sein…“ sage ich. Schon zu spät. Der war es auch wirklich, bestätigt uns später der Busfahrer. Der Name, der im Reiseführer angegeben war, steht nur ganz klein auf einem Schild und die Haltestelle heißt anders. „Macht nichts“, sagt zum Glück der sympathische Busfahrer, auf dem Rückweg nach Constanta kommen wir wieder am selben Punkt vorbei. Jetzt nimmt die Zahl der Fahrgäste auf einmal sehr schnell ab. Die wenigen, die noch zusteigen, beginnen einen Plausch mit dem Fahrer und bekommen gleich die sensationelle Story von den drei deutschen Mädchen zu hören, die es schaffen, sich zwischen Constanta und Mamaia zu verfahren, und beäugen uns neugierig. Wir verstehen immer nur „germana“ und den Namen des Campingplatzes. Eigentlich ganz witzig, Tagesgespräch zu sein. Die Sonne geht inzwischen schon unter. Wir parken an der Endhaltestelle, der Fahrer macht eine Raucherpause. Seine Tochter oder Freundin oder auch eine völlig fremde Person ist auch noch da und unterhält sich ein wenig mit uns. Etwa eine Stunde später und in stockfinsterer Nacht sind wir endlich an unserem Ziel angelangt. Das Meeresrauschen am nächtlichen Strand entschädigt allerdings für einiges.

Vama Vecche ist der optimale Zielpunkt einer anstrengenden Reise. Er ist vielleicht überhaupt der beste Platz zum Entspannen, den der kleine Küstenort gilt seit langem als gechilltester in ganz Rumänien. Früher tummelten sich hier Hippies und Nudisten, und noch heute weht ein alternativer Wind durch die drei Straßen des kleinen Urlaubsdorfes. In der Einkaufsstraße kann man sich Henna-Tatoos malen oder Haarstähnen mit Wollfaden umwickeln lassen, zu kaufen gibt es Stoffsäcke, türkische Hosen und fair gehandelte Klamotten aus aller Welt. Über alledem schwebt der leichte Duft von Joints, der sich nie so ganz verliert. Kaum sind wir angekommen, da kommt schon ein leicht ergrauter Mann auf uns zu und bietet uns einen Campingplatz für 20 Lei (5 Euro) pro Nacht an. Wir folgen ihm etwa 200 Meter die Straße entlang und biegen nach rechts in den „Campingplatz“ ein, der sich als ausgedehnter Garten hinter seinem Wohnhaus entpuppt. Rechts wachsen Rosen, Apfelbäume und Weinstöcke, rechts ist eine Rasenfläche, auf der das junge Völkchen seine Zelte aufschlagen kann.

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Eine Dusche und ein Plumpsklo gibt es auch, alles sehr improvisiert, aber das Wasser ist solargeheizt! Alles in allem eine für diesen Preis sehr stilechte Unterkunft. Der Strand ist auch nur fünf Minuten Fußmarsch entfernt. Bei einem Bummel am Sandstrand entlang begegnet man auch einer ganzen Menge sehr gechillter Menschen, die tatsächlich direkt am Meer zelten, keine zehn Meter von der Brandung entfernt. Bei stürmischem Wetter eine recht nasse Angelegenheit… Wir vertreiben uns mit lesen und Karten spielen die Zeit. Am nächsten Tag scheint wieder die Sonne. Da ist der Strand ganz von Handtüchern uns sonnengebräunten Leibern übersät.

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Wem das zu ungechillt ist, der kann ins ebenfalls nur einen Fußmarsch weit entfernte Bulgarien ausweichen, wo es kilometerlange unbewachte Naturstrände gibt.

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Abends wird gechillt gefeiert: Dann reiht sich am Strand eine Bar an die andere, wobei die meisten gleichzeitig als Open-Air-Klub fungieren. Mindestens in jedem zweiten kommt Livemusik, aus den restlichen tönt nonstop gute Musik: Succer Love, Californication, Song Two. Man kann sich ruhig an einer Bar sein obligatorisches Timisoareana kaufen, dort ein wenig bleiben und, wenn einem danach ist, samt Bier ein Haus weiterziehen, hier ein wenig tanzen, dort noch ein Bier, hier auf dem Spielplatz ein wenig schaukeln und wippen.

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Und den Gedanken am Besten gaaanz weit wegschieben, das der schöne Urlaub schon bald vorbei ist und man sich von Rumänien verabschieden muss.

Dienstag, 12. Juli 2011

Liebes Reisetagebuch,

Donnerstag

heute sind wir zu unserer kleinen Polenreise aufgebrochen. Der erste Weg führte uns – wie sollte es auch anders sein – nach Wien. Was, Wien liegt gar nicht auf dem Weg nach Polen? Oh. Naja, Erdkunde war noch nie so meine Stärke. Vermeiden lässt sich der kleine Umweg aber sowieso nicht, den in der Arena Wien singen Wir sind Helden Open Air!

Die quietschgelben Busse vom Student Agency bringen uns schnell in die Österreichische Hauptstadt. Zur Reiseplanung haben Teresa und ich uns erstmals Couchsurfing bedient, jenes Onlineportals, bei dem Globetrotter mit schmalem Budget zu schwärmen anfangen und Mütter Alpträume kriegen. Dort lernten wir unsere Couchsurfingastgeberin Julia kennen, eine lebensfrohe Heidelbergerin. Vorsichtig lotst sie uns mit unserem Gepäck durch ihre WG, in der halbfertige Zeichnungen und ein lebensgroßes Gipsmodell am Boden liegen. Ich glaube, durch Couchsurfing kann man wirklich interessante Menschen kennen lernen. Dann brechen wir auf zum Kaffee trinken mit Elsa, meiner irischen Austauschpartnerin, in der alten Universität. Elsa ist jetzt auch schon fast ein Jahr mit Erasmus in Wien. Gespräche über Abschied nehmen und Neubeginne. Dann gibt’s noch ein sehr leckeres Thaicurry im Welt-Café, und dann legen die Helden auch schon bald los. Die Stimmung in der Arena übersteigt bald den Siedepunkt, während sich am Himmel die dunkelgrauen Wolken auftürmen.
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Kaum war die dritte Zugabe verklungen, da fing es auch schon an zu regnen. Schnell zurück zur Wohnung! Leider stellt sich bald heraus, dass die Telefonnummer, die Julia uns per Mail mitgeteilt hat, nicht stimmt oder irgendeinen Fehler enthält. Jedenfalls ist sie nicht zu erreichen. Klingeln an der Wohnungstür bleibt ebenso erfolglos. Anscheinend istkeiner ihrer drei Mitbewohner zu Hause. Da sitzen wir dann also, im Dunkeln, im Regen, und ich denke ernsthaft schon an ein ganz besonders geschicktes Täuschungsmanöver, um an unser Gepäck zu kommen. Mir kommen schon langsam Zweifel an der ach so toleranten, solidarischen Couchsurfing-Idee. Irgendwann lässt uns irgendein Bewohner ins Haus, und so warten wir im Treppenhaus vor der Wohnungstür weiter. Da plötzlich: Die Türglocke schellt im Inneren der Wohnung. Teresa und ich wechseln erstaunte Blicke; stürmen nach unten und öffnen einer völlig aufgelösten Julia die Tür. Sie hat ihre Schüssel vergessen, von ihren Mitbewohnern ist niemand zu erreichen. Auch wenn sich Julia sich jetzt wortreich für ihr Missgeschick entschuldigt: Sie hat gerade meinen Glauben an das Couchsurfing-Projekt und die Menschheit als solche wiederhergestellt. Kaum eine Stunde später kam dann ihr Mitbewohner nach Hause und öffnete uns die Tür zur Wohnung, in der uns ein himmlisch weiches Bett sehnlich erwartete.

Freitag

Der Abschied von dem Bett ist mir heute Morgen wirklich sehr schwer gefallen. Dabei war es eine sehr flüchtige Bekanntschaft: Nur etwa drei Stunden haben wir miteinander verbracht. Aber es lässt sich nicht ändern: Marco will um 6 Uhr aufbrechen. Auch Marco kennen wir aus dem Internet, genauer gesagt von der Seite mitfahrgelegenheit.at. Er ist 24 Jahre alt, studiert irgendwas mit Umwelt und hat beim Erasmussemester in Norwegen seine Freundin aus Estland kennen gelernt, die er jetzt besuchen fährt. Eigentlich eine sehr gute und ökologisch sinnvolle Idee, sich über das Internet Gesprächspartner und Mitbezahler fürs Benzin zu suchen. Außer uns ist noch Gregor mit von der Partie, der nach Hause nach Estland fährt. Gregor studiert in Wien Chemie, hat Rasterlocken und sein Lieblingsschimpfwort ist „unchillig“. Die elf Stunden Fahrt verbringe ich hauptsächlich damit, auf der Rückbank herumzudösen und den Gesprächen über die wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Probleme Estlands zu lauschen oder darüber, in welcher Europäischen Großstadt es die besten Second-hand-Shops und die entspanntesten Grasverkäufer gibt.

Bei der ersten polnischen Raststätte die Überraschung: Wir verstehen die polnische Speisekarte, die Bedienung die auf Tschechisch vorgetragene Bestellung. Erst, als einer der Jungs sich mit „spasiba“ bedanken will, hört der Spaß auf. Da will sie doch lieber „Danke“ hören. Beim IKEA kurz vor Warschau ist unsere gemeinsame Fahrt dann zu enden. Marco will sich verständlicherweise den Feierabend-Großstadtverkehr nicht antun. So müssen wir alleine unseren Weg in die Innenstadt finden. Als wir endlich tatsächlich vor dem Hauptbahnhof stehen, fühlen wir uns ganz schön cool und erwachsen.

Dort treffen wir dann auch unsere nächste CS-Gastgeberin, Joanna. Sie studiert Architektur und arbeitet nebenbei sechs Tage die Woche in einem Coffeeshop. Das ist bei ihrem bescheidenen Gehalt auch nötig, denn Joanna isst und kocht gerne gut. Davon erhalten wir noch am selben Tag eine Kostprobe. Die Pfannkuchen mit Spinat sind ein Gedicht. Später kommt noch ihr Freund Kamil vorbei, und gemeinsam lästern sie über Polen,Warschau und seine sich über Jahre hinziehende Bemühungen, eine zweite U-Bahnlinie zu errichten. Es wird viel gebaut in ganz Polen, schließlich hat das Land gerade gestern die EU-Ratspräsidentschaft übernommen. Noch dazu steht nächstes Jahr die Fußball-Europameisterschaft ins Haus. Ich wollte eigentlich nur fragen, welche Orte man in Warschau gesehen haben muss, um ein paar Tipps von Ortskundigen einzuholen, da haben wir auch schon einen Fremdenführer für morgen: Kamil. Mal gespannt, was uns in Warschau erwartet.

Samstag

Am Morgen regnet es immer noch. Wir sehen wir uns erst mal die Altstadt an. Ganz nett, aber sehr touristisch und außerdem kein bisschen alt. Fast alle Gebäude sind rekonstruiert.
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Um 12 wartet Kamil auf dem Marktplatz auf uns, leicht zu erkennen an seiner Bob Marley-Frisur und dem Rad, mit dem er immer unterwegs, auch wenn das in Warschau mitunter nur unter Gefährdung des eigenen Lebens möglich. Kamils Freund Roberta kommt ganz in Tarnkleidung. In diesem Moment fange ich an, ein bisschen Angst zu haben vor unserem heutigen touristischen Programm.
P1010150Dass die erste „Sehenswürdigkeit“ hinter einem Bretterzaun mit Stacheldraht verborgen ist, ist auch eher untypisch, oder? „So how do you feel about breaking the law in Warsaw?“, fragt Kamil, als wir darunter hindurch geklettert sind. Ich wische mir die Erde von den Fingern, stapfe durchs hüfthohe Gras – Da stockt mir der Atem: Mitten in dieser Wildnis steht ein 20 m hoher, verlassener Gasspeicher aus Ziegelstein. Auf dem halb verfallenen Dach wachsen Bäume, das Innere ist ganz mit Wasser gefüllt. Ein in seiner ganzen Heruntergekommenheit geradezu magischer Ort.
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Nebenan steht noch ein zweiter Speicher, dessen Dach noch nahezu intakt ist. Kamil will da rauf. Die vor sich hin modernde Holztreppe sieht nicht gerade so aus, als würde sie mühelos den TÜV bestsehen. Ob er das schon einmal gemacht hat? „No, but I wanted to check in out.“ ... Achso, nur ein Scherz. Ich versuche krampfhaft, weder nach unten zu sehen, noch daran zu denken, wie meine Mutter auf die Nachricht reagieren würde, dass sich ihre Tochter in einem gesperrten Gasspeicher in Warschau aus 19 m Höhe zu Tode gestürzt hat. Dann sind wir oben. Und genießen einen Ausblick auf Warschau, der den meisten Touristen wohl verwehrt bleiben wird.
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Doch Kamils und Robertos Repertoire an kuriosen Orten ist noch lange nicht erschöpft. Die beiden gehören jeder urbanen Bewegung an, die es sich zum Sport macht, verlassene, verfallene und gesperrte Gebäude ausfindig zu machen und zu erobern. Über jedes zweite Haus wissen sie eine Geschichte zu erzählen, sein es von bestechlichen Wächtern oder aufgebrachten Polizisten.
P1010199Als nächstes lotsen sie uns entlang unbenutzter Bahnschienen durch ein Stück Wildnis mitten in der Metropole. Da bekommt das Wort „Großstadtdschungel“ eine ganz andere Bedeutung.
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P1010212Schließlich klettern wir noch auf eine Zugbrücke über die Weichsel und lassen unsere Blicke am grauen Horizont entlang schweifen, während über uns donnernd die Straßenbahnen hinweg donnern.
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Jetzt verabschieden wir uns von den Jungs und begeben uns in den warschauer Szenestadtteil Praga. Von Studenten und Künstlern bewohnt, ist dieses Viertel ein wahres Kreativbiotop voller alternativer Cafés, Klubs und Designerläden. Steht zumindest im Reiseführer. Nach zweistündiger Suche im ununterbrochenen Nieselregen haben wir tatsächlich auch schon ein Café gefunden . Sogar ein alternatives, allerdings anders als erwartet.
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Joanna ist auf einer Uniexkursion, und so verbringen wir den Abend alleine mit Ginger und Fred. Tagsüber eher scheu, werden die beiden nachts recht aufdringlich und lassen die Gäste kaum in Frieden schlafen. Irgendwann lösen wir das Problem, in dem wir die beiden Kater in Joannas Schlafzimmer einsperren.

Sonntag

„Lublin? Wer will denn da schon hin?“ hatten uns Joanna und Kamil am Vortag noch gefragt. Dass es so wenige sind das der Zug um 11 Uhr einfach mal nicht fährt – damit hätte ich dann doch nicht gerechnet. So sind wir erst um halb vier in der 350 000 Einwohner-Stadt. Dort erwartet uns schon Nina, ihres Zeichens ASF-Freiwillige in der Gedenkstätte Majdanek. In ihrer neuen Heimatstadt Lublin fühlt sich pudelwohl: Groß genug, dass immer etwas los ist, und doch ist hier noch, anders als etwa in Krakau, „das echte Polen“. Was sie damit meinen könnte, erfahren wir eine Stunde später: Da sitzen wir schon einem polnischen Folklorechor wieder und singen polnische, serbische und russische Lieder. (Der größte Unterschied besteht in der Anzahl an sonderbaren Zeichen über den Buchstaben; polnisch führt mit Abstand). Dann zeigt Nina uns und einer weiteren Deutschen, die ab Morgen ein Praktikum an der Gedenkstätte macht, die Altstadt, die, allen Vorurteilen zum Trotz, sehr schön ist.
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Das eigentliche Highlight des Tages sind aber die Pierogi, jene sensationelle polnische Spezialität, die man in Deutschland wohl unter dem Namen „Maultaschen“ verkaufen würde. Eigentlich schmecken sie aber viel besser und sind eine willkommene Abwechslung zur Knoblauch- und fleischüberfrachteten tschechischen Küche. Nina hat in nur zehn Monaten in Polen einen regelrechten Patriotismus entwickelt: „Niemand sagt was gegen mein Polen!“. Das ist wohl leichter gesagt als getan. Die Osteuropäischen Länder sind im internationalen Vergleich einfach nicht so populär. Jeder der Anwesenden kennt die abschätzigen oder mitleidigen Blicke, wenn man erzählt, dass man für längere Zeit nach Polen oder Tschechien geht. Was für schöne, aufregende und lebenswerte Länder das (inzwischen) sind, ist zu vielen selbstgerechten Westeuropäern noch nicht durchgedrungen. Wir machen es zu unserer Agenda, das zu ändern, und stoßen an mit Ingwerbier.

Montag

Die richtigen Leute muss man kennen…. Dann bekommt man auch schon mal eine hochkompetente und kostenlose Führung zum Thema „Juden in Lublin“. Nina, Expertin auf diesem Gebiet, erzählt von dem Zentrum jüdischen Lebens, das Lublin zu sein pflegte. Den Juden ging es gut in der Stadt, sie waren wohlhabend und lebten jahrhundertelang in freundschaftlichem Austausch mit den Christen zusammen. Im Museum in der Altstadt erwacht es auf unzähligen Schwarz-Weiß-Fotographien wieder zum Leben. Das geschäftige Treiben auf den Straßen, die Schuster, Schneider, Gemischtwarenhändler, der Markt, die Toraschule, die Synagogen. Wenn man aus dem Fenster blickt, fällt es einem schwer, sich all das vorzustellen. Da, wo früher das jüdische Viertel und dann das Ghetto war, ist jetzt ein Park und ein Parkplatz.
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Die Nazis haben fast alle Juden aus der Stadt nach Majdanek verschleppt und ihre Häuser dem Erdboden gleichgemacht. Diesem dunklen Kapitel wir in dem Museum mit einem fast vollständig dunklen Raum gedacht. Die Listen der Juden, die in den umliegenden Konzentrationslagern ums Leben kamen, wurden kurz vor Ende des Krieges von den Nazis vernichtet, nur eine Liste von einer Außenstelle des Lagers Majdanek ist übrig geblieben. Diese wird in dem Raum von einer Stimme auf Band verlesen. Fünf Minuten lang höre ich nur Namen, die mit A anfangen, dann ertrage ich es nicht mehr. Eine dicke Haut ist mir auch nach einem Jahr praktisch regelmäßiger Konfrontation mit dem Thema „Holocaust“ noch nicht gewachsen. Das ist vielleicht auch gar nicht möglich. Sogar Nina sagt, dass sie nach einem Jahr ein bisschen Abstand von der Gedenkstätte gut vertragen kann. Das Museum will dem Besucher so viel geballte Schwermut auf jeden Fall auch nicht zumuten. Deshalb ist der nächste Raum im Kontrast zum vorhergegangenen ganz in Weiß gehalten. Hier sind die Geschichten der sogenannten „Gerechten unter den Völkern“ ausgestellt, jener Menschen also, die Juden versteckt oder sonst irgendwie geholfen und gerettet haben. Das soll einen optimistischen Blick in die Zukunft ermöglichen.
Das ist sehr spannend, kommt mir heute irgendwie falsch vor. Im echten Leben gibt es nun mal nicht immer ein Happy End.

Montag

Der heutige Tag fing recht langsam und gemütlich an. Gestern hat uns der hiesige Freiwillige, Jonas, vom Bahnhof abgeholt. Danach waren wir noch in einer Kneipe – wieder einmal nur mit Deutschen. Ein weiterer Freiwilliger aus Warschau und zwei quirlige Abiturientinnen von der Waldorfschule sind dabei. Die Mädels sind beide kurz davor, ins Ausland zu gehen. Die haben noch alles vor sich! Ich bin fast ein bisschen neidisch. Natürlich interessieren sie sich sehr für unsere Erfahrungen. Ich komme ganz schön ins Trudeln: Gar nicht so einfach, ein ganzes Jahr in ein paar Sätzen verständlich zusammenzufassen… Muss ich noch üben, in diese Verlegenheit werde ich in den nächsten Monaten wohl öfter kommen…

Heute also Krakau. Und wieder einmal finden wir uns nur mithilfe unseres guten alten Freundes, des Internets, zurecht. Das verrät uns nämlich, wann und wo es in der Stadt „Free Walking Tours“ gibt. Dieses relativ neue touristische Konzept haben wir schon in Budapest ausprobiert: Auf der Internetseite steht ein Treffpunkt und eine Uhrzeit, man muss sich nicht anmelden, sondern einfach hingehen. Unheimlich, wie sich an diesem Ort zu dieser Zeit auf einmal aus dem Nichts eine Menschenmenge kristallisiert. Gut 50 Leute aus mindestens 20 verschiedenen Ländern, alle Erteile sind vertreten. Da keine festgelegte Gebühr verlangt wird, strengen sich die meist sehr jungen Stadtführer extrem an, die Teilnehmer gut zu unterhalten und ein möglichst großes Taschengeld einzustreichen. Das geht ein bisschen auf Kosten der Seriosität und historischen Genauigkeit. Man bekommt aber einen guten Überblick für wenig Geld, und einige interessante Anekdoten kann man allemal mit nach Hause nehmen. Zum Beispiel, dass irgendein kraukauer König allen Deutschen in der Stadt, nachdem diese die Macht an sich reißen wollten, im Umkehrschluss den Kopf abreißen wollte. Um die Nationalität festzustellen, ließ er alle Bewohner vier für Polen leicht auszusprechende polnische Worte sagen. Die vier in der Führung anwesenden Deutschen versagen bei dieser Herausforderung auf der ganzen Linie. „See, it still works“, kommentiert der Stadtführer. Er ist es auch der uns endlich über das wahre Verhältnis zwischen Polen, Russen und Deutschen auf: „ What does a polish Soldier do if he sees a german soldier on his left side and a russian soldier on his right side? He shoots first the German, then the Russian. Why? First business, then pleasure.“. Na Danke. Am Ende wird ein Stadtplan verteilt, auf dem die besten Restaurants und Kneipen verzeichnet sind. Auf der Rückseite kann man wichtige Phrasen auf Polnisch lernen, z.B. „Ich kenne diese Frau nicht, das Kind ist nicht von mir“ oder „Ich mag Warschau nicht“.
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Ein Regenschauer macht uns nass bis auf die Knochen. Dann sehen wir uns noch das jüdische Viertel Kasimierz an.

Schließlich kochen wir für Jonas und seine sechs polnischen Mitbewohner zu Abend. Die wollen uns erstaunlicherweise gar keinen Kopf kürzer machen, sondern bieten uns polnischen Büffelgraswodka (sehr lecker!) an und kramen zu fortschreitender Stunde einer nach dem anderen sogar verschämt die Reste ihres Schuldeutschs heraus. Auf einmal kann ich meinen Pessimismus von gestern nicht mehr verstehen.

Mittwoch

Eine Woche Polen, eine Woche lang habe ich die Sonne kein einziges Mal zu sehen bekommen. Sie hat die ganze Zeit an der Grenze auf uns gewartet. Kaum sind wir in Bohumin – strahlender Sonnenschein und blauer Himmel, soweit das Auge reicht.
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In meiner Erinnerung wird Polen dennoch immer sonnig und heiter sein.

Samstag, 18. Juni 2011

Va, pensiero

Duschen, Haare waschen, Deo, Zähne putzen, Haare föhnen, Rouge und Wimperntusche auftragen, Rock und Bluse anziehen, Parfum verstäuben und Schmuck auswählen – So lange wie heute habe ich schon lange nicht mehr im Bad gebraucht. Dabei gehe ich weder in die Disko noch zum Vorstellungsgespräch. Heute steht Oper auf dem Programm, und meine Begleitung ist schon über 80 Jahre alt.

„Stell dir vor, Evicko, heute habe ich mich ganz alleine gewaschen – ohne Hilfe!“, begrüßt mich paní M. Paní M. ist eine meiner Klientinnen aus der jüdischen Gemeinde. Sie kommt aus Austerlitz, seit einem Sturz vor einem Jahr kann sie nur noch schlecht laufen und sitzt die meiste Zeit im Rollstuhl. Sie zog in das Altenheim in Brünn um, wo sie sich mit einer anderen Dame ein kleines Zimmer teilt. Die Aussicht auf den Opernbesuch hat in ihr offensichtlich ungeahnte Kräfte geweckt. Wir hatten uns um vier Uhr verabredet, damit ich ihr mit dem Fertigmachen helfen kann. Aber offensichtlich komme ich zu spät: Fein herausgeputzt in Bluse und Blazer sitzt sie in ihrem Sessel, die Handtasche ist schon gepackt und sogar den besten Rollstuhl hat sie schon organisiert, er steht zur Abfahrt bereit in einer Zimmerecke.

Dafür inspizieren die beiden Damen jetzt aufs Genaueste das Resultat meiner Bemühungen. Ganz zufrieden sind sie nicht: Ich werde erst mal darüber belehrt, dass man auf keinen Fall ohne Strumpfhose in die Oper gehen kann (zum Glück habe ich eine dabei). Dann wird mir noch Lippenstift (knallpink) und Schmuck geliehen und meine Bluse zurecht gezupft. Jetzt endlich werde ich den hohen Ansprüchen gerecht. „Jo, das kann sich sehen lassen“ kommentiert paní M.s Zimmergenossin. Da bin ich aber erleichtert.

Nächster Programmpunkt: Wegzehrung beschaffen. Und zwar in dem kleinen Laden um die Ecke, der seine Kundschaft wohl zu 90% aus dem besagten Altenheim bezieht. „Hallo, Mädels!“ begrüßt uns der Inhaber und schenkt seinen treuen Stammkunden ein Säckchen Kirschen aus dem eigenen Garten.

Da fährt auch schon unser Taxi vor und unser persönlicher Chauffeur für den Abend, mein Kollege David, steigt aus. Vielleicht liegt es an dem schicken Anzug, jedenfalls präsentiert er sich ganz als formvollendeter „dzentlmen“. Auch meine beiden Mitbewohnerinnen und –freiwilligen Teresa und Talita sind mit von der Partie. Das Auto, einen geräumigen Logan, haben wir samt Invalidenausweis vom Betreuten Wohnen geliehen, er ist in hohem Maße rollstuhlkompatibel und bestens für unser Vorhaben geeignet.

Endlich kann es losgehen in Richtung Stadt. Das altehrwürdige Janacektheater kennt paní M. sehr gut, ebenso wie all die anderen Kulturstätten Brünns. Jahrelang pilgerte Pani M. monatlich gemeinsam mit anderen Kulturbegeisterten in die mährische Hauptstadt. Theater, Balett, Musikal, Operette, Oper – das war ihre Welt. Schon seit drei Jahren erlaubt ihr Gesundheitszustand solche Ausflüge nun schon eigentlich nicht mehr. Es dass es dennoch geklappt hat, hat viel Geduld und Rennerei gekostet. Erst galt es, herauszufinden, wie man das Janacektheater im Rollstuhl betreten bzw. –fahren kann, dann musste ein Termin, ein Auto, ein Fahrer gefunden werden, schließlich ist es mir noch irgendwie gelungen, an der Vorverkaufskasse ganz ohne jeglichen Ausweis vier reduzierte Karten auszuhandeln.

Zum Glück klappt auch tatsächlich alles wie vorgesehen, und wenig später sitzen wir tatsächlich im verdunkelten Zuschauerraum. Nabucco will das Volk Israel verschleppen, seine Tochter Fenea verliebt sich und läuft zu den Hebräern über, seine andere Tochter Abigail schmiedet dunkle Intrigen.

Pause.

Paní M. lässt sich vor das Poster mit dem Veranstaltungskalender fahren und plant gleich den nächsten Opernbesuch. Die Brasilianerin Talita begreift, dass sie es hier mit einer Holocaustüberlebenden zu tun hat und stellt fest, wie geehrt sie sich fühlt. Ich überlege noch, ob ich das jetzt übersetzen soll und wenn ja, wie, und rede prompt paní M. auf Englisch an. Paní M. erzählt David, dass sie als Kindergärtnerin gearbeitet hat. „Ich mag Jugend“, sagt sie. Er soll sich wahrscheinlich angesprochen fühlen. Gleich verpflichtet sie ihren neuen Freund, sie am Donnerstga nach Hause nach Austerlitz zu fahren. Eine verwunderte Dame mittleren Alters wird gebeten, ein Foto von unserer sonderbaren kleinen Gruppe zu machen. Und dann gongt es auch schon zur zweiten Hälfte.

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Abigail verschwört sich gegen ihre gesamte Familie, Gedanken fliegen auf goldenen Flügeln, Nabucco wird größenwahnsinnig, dann verrückt und letztendlich jüdisch. Er befreit das Volk Israel aus dem Exil. Zum Schluss sind alle versöhnt und zufrieden. Applaus, die Lichter gehen wieder an.

Bei einem Glas Wein im Opernrestaurant fängt paní M. an, ihre Lebensgeschichte zu erzählen, und erst jetzt wird mir bewusst, wie sehr sie der eben gesehenen 150 Jahre alten Oper ähnelt. Auch meine Klientin wurde wegen ihrer jüdischen Abstammung verschleppt und gedemütigt, und es sollte viel Zeit vergehen, ehe das Schicksal es wieder besser mit ihr meinte.

Da waren die zutiefst traumatisierenden Jahre im Konzentrationslager Terezín. Was für eine Qual es für die damals Neunjährige gewesen sein muss, jeden Tag bis zu 12 Stunden Zwangsarbeit in den Gärten der Ghettoanlage zu arbeiten und doch jeden Tag hungrig schlafen zu gehen, kann man sich kaum vorstellen. Dass sie nicht nach Auschwitz oder ein anderes Vernichtungslager deportiert wurde, verdankt paní M. ihrem Vater, der im Konzentrationslager für die Nazis eine wichtige Aufgabe übernahm: Als gelernter Zahnarzt zog er den Toten vor der Verbrennung im Krematorium die Goldzähne. Nach drei Jahren kehrte sie mit ihren Eltern wieder nach Hause zurück – als einzige Familie aus Austerlitz. Die Leidensgeschichte paní M.s jedoch ging weiter: Ihr Vater starb sehr früh, der Mann den sie mit jungen Jahren heiratete, entpuppte sich als notorischer Trinker. „Bis zu meinem 50. Lebensjahr habe ich nur gelitten“, resümiert sie.
Aber es schwingt überhaupt keine Bitterkeit darin mit. „Meine Ärztin hat mir gesagt: Leben sie jetzt endlich!“

Eine Woche später: paní M. in ihrer Heimatstadt Austerlitz

Und das tut paní M. Soweit es die widrigen Umstände erlauben. „Deshalb freue ich mich so, wenn ich mal raus komme, da komme ich wenigstens auf andere Gedanken.“ Als wir uns zieren, uns das Glas Wein bezahlen zu lassen, wir sie beinahe böse: „Er weiß, ob wir morgen noch leben? Wenn ich sterbe, bleibt das Geld übrig. Da gebe ich es doch besser jetzt schon aus.“ Womit sie eigentlich Recht hat.

Sonntag, 15. Mai 2011

Alle bleiben!

Während in Frankreich letztes Jahr Massen auf die Straße gingen, um die Abschiebung von tausenden Roma nach Rumänien zu verhindern und damit europaweit Zustimmung ernteten, werden seit 2003 regelmäßig Roma aus Deutschland ausgeflogen – und kaum einer empört sich.

Bis 2013 sollen knapp 10 000 Roma aus der Bundesrepublik abgeschoben werden. Es handelt sich um Flüchtlinge, die in den frühen 90ger Jahren Krieg, Vertreibung und dem Völkermord im damaligen Jugoslawien entkommen konnten. Seit fast 20 Jahren leben diese Menschen nun schon in Deutschland, ihre Kinder haben zum größten Teil nie Serbisch oder Albanisch gelernt. Um ihre Rückkehr zu ermöglichen, hat der Kosovo zwar ein Rückübernahmeabkommen unterzeichnet. Gewartet hat dort allerdings niemand auf sie. Stattdessen erwartet sie, wie vor 20 Jahren, Hass und Ausgrenzung durch die Mehrheitsgesellschaft. Die Romasiedlungen wurden seinerzeit größtenteils dem Erdboden gleichgemacht, die Aussicht auf Bildung, Arbeit und Gesundheitsfürsorge sind denkbar gering.

Wie groß wäre der wirtschaftliche Schaden für Deutschland, sollte es die Roma hierbehalten? Denkbar gering, es sind ja gerade einmal 10 000. Die Politik müsste über diesen Umstand durchaus informiert sein, bleibt aber passiv. Wahrscheinlich genau deshalb: Weil es gerade einmal 10 000 Menschen betrifft.

Die betrifft es dafür umso mehr. Eine Abschiebung ist jedes Mal eine menschliche Tragödie. Dass darüber kaum einer Bescheid weiß, die Medien kaum berichten und sich somit kaum Widerstand formieren kann, könnte damit zusammenhängen, dass Antiziganismus, also die Ressentiments gegenüber Menschen, die als Zigeuner stigmatisiert werden, in unseren Tagen die am weitesten Verbreitete Form von Rassismus ist. Ja, in vielen Ländern Europas ist sie beinahe schon gesellschaftlicher Konsens.

Die von Romaverbänden gestartete Initiative „Alle bleiben“ gestalten sich daher als schwierig. 10 000 Unterschriften sollen bis Jahresende zusammen mit einer Petition bei der Bundesregierung eingereicht werden, 2500 sind es bis jetzt.
Zusammen mit ASF wollen sie jetzt den evangelischen Kirchentag, der im Juni in Dresen stattfindet, nutzen, um ein breites Publikum auf ihr Anliegen aufmerksam zu machen.

Spannende und lustige Tage in Dresen.
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Und wie macht man große Mengen an Menschen auf sich aufmerksam? Natürlich mit Straßentheater! So zumindest der Plan des Kampagnenteams von ASF, der sich an einem sonnigen Maiwochenende zwecks Vorbereitung zum ersten Mal in Dresden traf (und der rein zufällig auch ich angehöre). Los ging´s aber erst mal mit Tortellini und gegenseitigem Kennenlernen im evangelischen Gemeindezentrum des Stadtteils Trachau. Die ebenso nette wie motivierte Gruppe setzt sich vor allem aus Mitgliedern der Regionalgruppe Sachsen, aktuellen Tschechienfreiwilligen und einer Delegation aus Berlin zusammen. Von der Roma-Organisation Amaro Drom hatten sich ebenfalls 5 Vertreter angekündigt, die allerdings noch etwas auf sich warten ließen. So ließen wir uns erst mal von Dipl. Pol. Markus End, dem eigens angereisten Wissenschaftler am berliner Zentrum für Antisemitismusforschung und Experten für Antiziganismus, auf seinem Fachgebiet schlau machen. Erschreckend, zu hören, wie viele tätliche Übergriffe, Brandanschläge auf Roma es in den vergangenen Jahren nicht nur in Tschechien, der Slowakei und Ungarn, sondern auch in Deutschland gab. Oder dass sich vielerorts in Stadtteilen mit großer Romapopulation Bürgerinitiativen gründen, um über einen Umgang mit dem „Problem“ zu diskutieren – freilich unter Ausschluss der Angesprochenen. Markus forscht zum Thema „Romabild in der Mehrheitsgesellschaft“ und befindet, dass sich alle Vorurteile gegenüber sogenannten „Zigeunern“ auf zwei Aspekte herunterbrechen lassen: deren angenommene Heimatlosigkeit (Zugehörigkeit weder zur eigenen, noch zu einer anderen Gesellschaft) und deren unterstelltes Parasitentum (Klauen, Betteln, Schmarotzen als ungebetener Gast in der Gesellschaft). Diese ebenso negativen wie falschen Vorstellungen existieren in Deutschland seit dem 16. Jahrhundert quasi unverändert.

Keine halbe Stunde nach diesem anregenden Vortrag treffen die Roma ein: Sechs Stunden später als vereinbart und außerdem nur zu zweit anstatt zu fünft. Eine Stimme irgendwo in meinem Kopf gibt ein leicht verächtliches „typisch“ von sich. Ich ertappe mich dabei und rüge mich sofort dafür. Mir erging es jedoch nicht alleine so – in einem Gespräch in gemütlicher Runde am nächsten Abend geben einige ASFler zu, im ersten Moment ähnliche Gedanken gehabt zu haben. Gemeinsam erschrecken wir darüber, wie viel Selbstdisziplin und Konzentration manchmal nötig ist, um sein Denken ganz von bestimmten Mustern frei zu halten – selbst bei Menschen, die sich aktiv gegen Rassismus einsetzten.

Spätestens, nachdem wir Esso und Issi, die neu angekommenen Gäste, genauer kennen gelernt haben, ist es damit natürlich vorbei.
Am nächsten Morgen hat Esso seinen großen Auftritt: Er zeigt ein Video von den Aktionen des Romazentrums in Göttingen, in dem er sich engagiert. Musik Gesang, Tanz, aufgeregtes Geplauder in Deutsch und Romani, Gelächter und Ausgelassenheit sind da zu sehen. Dann folgt ein zweiter Film, der abgeschobene Familien im Kosovo zeigt. Jugendliche und Kinder sitzen in heruntergekommenen Wohnungen und erzählen in fehlerfreiem Deutsch von Arbeitslosigkeit, Dreck, Armut und Gefängnisaufenthalten. Dann ergreift Esso das Wort, echauffiert sich über Schikane durch die Politik, Rassismus in der Bevölkerung, systematische Diskriminierung, zerstörte Existenzen im Kosovo. Dabei schießt er vielleicht ein paar Mal etwas über das Ziel hinaus, aber das kann man einem, der sich schon von vielen Freunden und Verwandten verabschieden musste, beim besten Willen nicht übel nehmen. Umso motivierter macht sich die ganze Gruppe gleich im Anschluss an die Arbeit.

Der nächste Programmpunkt ist nun endlich der Theaterworkshop unter der Anleitung von Frank Hohl. Innerhalb eines Tages vollbring der freischaffende Theaterpädagoge ein kleines Wunder: Stundenlang und unermüdlich tollt die bunt gemischte Gruppe, aus der kaum einer vorher schon Erfahrungen auf dem Gebiet der Schauspielerei gesammelt hat, über den Rasen vor der Kirche; wir rennen, schleichen, bauen Standbilder, produzieren alberne Geräusche und Bewegungen und bauen dabei sicher die eine oder andere Blockade ab. Am Ende des Tages sind schließlich acht kleine, aber ausdrucksstarke Szenen entstanden, die sich allesamt um das Thema Abschiebung drehen: Da ist Leid und Abschied zu sehen, Integration und Assimilation, Ausgrenzung und Entwurzelung, Wut und Fassungslosigkeit. Und das alles ohne Worte. Wer sich interessiert, möge zum Kirchentag kommen und sich mit eigenen Augen überzeugen.
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Hochzufrieden mit dem vollbrachten freuen wir uns auf einen gemütlichen Ausklang des Abends, als Esso eine SMS erhält: Eine befreundete Familie hat den so gefürchteten Brief bekommen. Sie soll in Kürze abgeschoben werden. Die zwei Roma zögern nicht lange, sie packen ihre Sachen und fahren zurück nach Göttingen, um der Familie mit Rat und Tat zur Seite zu stehen. Die Realität drängt sich auf einmal mit Macht in unsere kleine Gruppe. Abschiebungen passieren wirklich in Deutschland, immer wieder. Es wird Zeit, dass diese höchst fragwürdige Unternehmung endlich aufhört! Wer sich berufen fühlen sollte, selbst aktiv zu werden, findet auf der folgenden Seite alle nötigen Unterlagen, um selbst auf Unterschriftenjagd zu gehen: http://www.alle-bleiben.info/info-pro.htm

Samstag, 7. Mai 2011

Jüdische Tradition kennen lernen und erhalten - Brigade in Lostice

(feat. Teresa Nowak)
Schulklassen durch Gedenkstätten führen, Senioren zu Hause besuchen, in einer sozialen oder kulturellen Einrichtung zur Hand gehen: so sieht Freiwilligenarbeit für uns ASF-Freiwillige normalerweise aus. Wir arbeiten allein und eigenständig in unseren Projekten vor Ort und besuchen uns gegenseitig an den Wochenenden. Das ist auch gut so, denn nur so waren wir in den letzten Monaten gezwungen, uns in unsere neue Umfelder zu integrieren, Tschechisch zu lernen, unsere KollegInnen kennenzulernen und eigene Ideen und Projekte zu entwickeln. Manchmal macht es aber viel mehr Spaß, gemeinsam mit Gleichgesinnten anzupacken und zusammen etwas auf die Beine zu stellen. Daher leisteten wir Tschechien-Freiwillige, wie bereits unsere VorgängerInnen, einen Arbeitseinsatz auf einem jüdischen Friedhof. Wir acht plus unsere Länderbeauftragte Staňa Šimuniová wählten ein Wochenende im April aus, buchten eine Unterkunft, packten alte Kleidung ein und machten uns auf den Weg.

Bevor wir uns so richtig in die Arbeit stürzten, stand aber noch eine interessante Lehrstunde in Sachen jüdischer Religion und Tradition auf dem Programm. Herr Papousek, seines Zeichens Kantor der jüdischen Gemeinde in Olomouc, hieß uns sehr nett willkommen und informierte uns über die Geschichte und Gegenwart seiner Gemeinde ebenso wie über Gebetsrituale, Feiertagsbräuche und kulinarische Besonderheiten. So lernten wir am praktischen Beispiel, wie man Challa, das typische jüdische Sabbatbrot, zubereitet. Ausgestattet mit zwei Kisten ebendieses Brotes und zwei Flaschen koscheren Weins machen wir uns endlich auf den Weg zum Ort unseres Arbeitseinsatzes, nach Loštice.

In Loštice, einer gemütlichen Kleinstadt im Herzen Mährens, gibt es im Gegensatz zu Olomouc keine jüdische Gemeinde mehr. Das war nicht immer so: Jahrhundertelang existierten Juden und Christen in geradezu vorbildlicher Weise neben- und miteinander. Christliche und jüdische Schüler besuchten die gleiche Schule, und auch das Kulturprogramm wurde gemeinsam bestritten, zum Beispiel in einer Amateurtheatergruppe. Mit der Naziokkupation und dem Holocaust nahm diese friedliche Nachbarschaft ein jähes Ende. Heute zeugen vom jüdischen Leben in Loštice nur die Synagoge, die inzwischen frisch renoviert als Museum, pädagogisches Zentrum und Ort des Gedenkens dient.
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Und der jüdische Friedhof, auf dem fast 400 Jahre lang die verstorbenen Mitglieder der jüdischen Gemeinde beigesetzt wurden. Unter ihnen auch Fanny Neuda, Verfasserin des ersten jüdischen Gebetsbuches für Frauen. Die Angehörigen der hier Bestatteten sind zum größten Teil in den Konzentrationslagern ums Leben gekommen oder wohnen im weit entfernten Ausland. So ist es inzwischen zur Tradition geworden, dass sich ASF-Freiwillige aus Deutschland, deren Vorfahren schließlich Schuld an diesem Umstand tragen, sich einmal im Jahr um die Erhaltung und Pflege des Geländes kümmern. So auch wir.
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Es gab an diesem Wochenende für uns Freiwillige auf dem Friedhof genug zu tun: Reisig musste aufgesammelt und verbrannt, Hecken zurückgeschnitten, überwucherte Grabsteine wieder freigelegt werden. Im milden Frühlingswetter kamen wir ganz schön ins Schwitzen und freuten uns abends umso mehr auf die deftige Mahlzeit, das kühle Bier und das weiche Bett im Hotel. Unser Ansprechpartner vor Ort, Herr Štípl, sorgte dafür, dass alles reibungslos funktionierte, versorgte uns mit dem nötigen Arbeitsmaterial und darüber hinaus mit erstaunlichen Informationen zum Thema „Judentum und Tod“: Wer hätte gedacht, dass das Reinigen und Bekleiden von Toten als verdienstvolle und angesehene Tätigkeit gilt? Dass auf jüdischen Grabsteinen kunstvoll möglichst viele Informationen zum Lebenslauf und Charakter des Verstorbenen untergebracht werden? Oder dass der Sohn des Verstorbenen nach dem Tod des Vaters ein Jahr lang regelmäßig ein bestimmtes Gebet spricht? So lange dauert die Gerichtsverhandlung im Jenseits, die über den Verbleib der Seele entscheiden soll. Als letztes (entscheidendes?) Argument kurz vor dem Urteilsspruch soll der gottesfürchtige Sohn ins Feld geführt werden können, dessen Erziehung dem Vater offensichtlich gelungen ist.
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Die Frucht unserer Arbeit konnte sich nach zwei Tagen durchaus sehen lassen: Der jüdische Friedhof erstrahlte in neuem Glanz. Wir nahmen Abschied von Loštice und seinen Bewohnern. Auf dem Heimweg bot sich ein Besuch der historischen Altstadt von Olomouc an, bevor alle wieder in ihre Städte und Projekte zurückkehrten.

Urlaub von der Gegenwart – Zu Gast in einem tschechischen Wochenendhaus

Wenn man frühmorgens mit dem Zug aus Brno in Richtung Norden fährt, erst durch die schier endlosen Plattensiedlungen am Stadtrand, dann durch das in Nebel getauchte mährische Hügelland, so kommt man irgendwann nach Letovice. Ich bin die Einzige, die an diesem Frühlingsmorgen an dem kleinen Bahnhof im Nirgendwo aussteigt.
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Gut, dass am Gleis Lukas auf mich wartet. Lukas, 25 Jahre alt, Informatiker, möchte gerne Deutsch lernen und ich Tschechisch. Deshalb treffen wir uns regelmäßig zum sogenannten Lerntandem und bringen uns gegenseitig Schimpfwörter und die Namen der wichtigsten Backwaren bei. Außerdem verbindet uns unsere gemeinsame Leidenschaft für das Geigenspiel. Lukas verwehrt sich gegen meine Feststellung, am Ende der Welt angekommen zu sein und erklärt, dass Letovice schon bessere Tage gesehen hat: Mit seinem Kloster der Barmherzigen Brüder und der Tylex-Textilfabrik galt es lange als wirtschaftliches und kulturelles Zentrum der Region. Doch diese Zeiten sind längst vergangen; übrig geblieben ist ein kleines, verschlafenes, mährisches Dorf. Und mittendrin steht die kleine Chalupa, in die Lukas und seine Frau Hanka mich heute eingeladen haben. Hanka hat Englisch und Spanisch studiert und lernt gerade noch Portugiesisch.

Chalupas sind Wochenendhäuser und in Tschechien sehr beliebt. Nahezu jeder, der etwas auf sich hält, fährt am Freitagabend aus der Großstadt aufs Land. Dieser Umstand lässt sich vielleicht mit einem Blick auf die jüngere tschechische Geschichte erklären. Der Kommunismus stieß in Tschechien von Anfang an nicht auf sonderlich viel Gegenliebe. Man versuchte, sich einen Sozialismus nach den eigenen Vorstellungen zu gestalten, liberaler und demokratischer. Diese Hoffnung wurde jäh zerstört, als im Frühling 1968 die Panzer des Warschauer Paktes in Prag einrollten und der Reformbewegung ein gewaltsames Ende setzten. Die ganze Nation erhielt einen Schock, von dem sie sich bis heute nicht ganz erholt hat. In der folgenden Zeit entstanden ganze Viertel im immer gleichen grauen, schmucklosen Betondesign. Selbst die Wohnungen glichen sich im Detail. Raum zur freien Entfaltung war im System nicht vorgesehen.
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Die Wochenendhäuser hingegen gaben dem Wunsch nach einem besseren Leben Ausdruck, abseits der urbanen Monotonie. Nach 1990 hat sich daran nicht allzu viel geändert: Die Betonburgen werden als Wohnraum gebraucht. Sie wurden zwar bunt angestrichen, werden aber immer noch als das alltägliche Übel angesehen, wohingegen in der Chalupa das wochenendliche Vergnügen wartet. Hier kann man seiner Individualität Ausdruck verleihen, basteln, werkeln und gärtnern, ganz nach Belieben. Auch Lukas und Hanka fahren jede Woche hierher und richten das alte, einstöckige Häuschen schrittweise wieder her.

Wie so viele hat auch Lukas seine Chalupa von Vorfahren geerbt, die auf dem Land wohnten. Wenn man über die Schwelle tritt, fühlt man sich sogleich, als wäre man mit der Zeitmaschine geradewegs in ein anderes Jahrhundert gereist. Alles ist voll von Erinnerungsstücken an die mehreren Generationen aufrechter Menschen, die in diesem Haus gelebt haben. In einer Ecke steht eine alte Standuhr mit Pendel, gegenüber, auf dem massiven Eichenschrank mit figürlichem Schnitzwerk auf den Türen, eine Schreibmaschine der ersten Generation. In der Glasvitrine in der Küche ist biedermeierliches Blümchenporzellan ebenso zu finden wie ein Blechservice inklusive Teekanne. Ein besonders kurioses Objekt steht neben der Tür zum Esszimmer: Ein Frisiertisch aus dem vorvergangenen Jahrhundert. Lukas erzählt, dass sein Großvater, seines Zeichens Friseur und Barbier, hier noch bis in die siebziger Jahre seine Kunden bedient hat. Dann stellte man ihn vor die Wahl, seinen Laden entweder verstaatlichen zu lassen oder zu schließen. Lukas‘ Großvater entschied sich für Letzteres und reihte sich somit ein in die Liste der unzähligen Menschen, die nicht mit dem System kooperierten oder einfach zu laut ihre Meinung sagten und infolgedessen mit gravierenden Nachteilen, Bespitzelung oder sogar Gefängnisstrafen rechnen mussten.

Zum Mittagessen gibt es „Spanische Vögel“, eine urtypische tschechische Spezialität, die hauptsächlich aus Rindfleisch und Wurst besteht und für die Hanka sicherlich stundenlang in der einfach ausgestatteten Küche stehen musste. Es schmeckt herrlich, vor allem kombiniert mit einem Gläschen mährischen Wein, den Hankas Onkel selbst keltert. Beim Essen machen wir es uns auf einer massiven Eichenbank gemütlich. Auch dieses Möbelstück hat Geschichte: Es ist das Geschenk des Klosters an Lukas´ Vater, einen aktiven Messdiener und Kirchenmusiker, der außerdem bei allen notwendigen Reparaturen im Klostergebäude Hand anlegte. Sein Engagement kostete ihn das staatliche Stipendium. Aus Dankbarkeit für seine Hilfe übernahm das Kloster die Kosten für seine Ausbildung, sonst wäre eine akademische Laufbahn für Lukas´ Vater undenkbar gewesen. Auch die Kirchen standen auf der Abschussliste der kommunistischen Regierung. Sie wurde gezielt blockiert und ausgebremst. Das führte nach und nach zu einer völligen Austrocknung der Spiritualität in Böhmen und Mähren, die bis heute anhält: Tschechien ist momentan eines der atheistischsten Länder Europas. Dabei war das tschechische Selbstverständnis jahrhundertelang untrennbar mit dem Katholizismus verbunden. Die zahlreichen Heiligenbildchen und Wallfahrtssouvenirs, die in der Chalupa von Lukas und Hanka verteilt sind, tragen Zeugnis davon.
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In solch einer Umgebung lässt es sich ungestört der Nostalgie frönen: Den Nachmittag verbringen wir mit traditionellen tschechischen Liedern, mit Singen, Spielen und noch etwas mehr Wein. Beim folgenden Spaziergang bin ich schon recht gut gelaunt. Danach geht es weiter mit Slibowitz, dem obligatorischen Pivo und natürlich Pomazánka, einer tschechischen Spezialität, für die der Kühlschrank geplündert, alles vermischt und dann aufs Brot gestrichen wird. Das Resultat ist meist erstaunlich schmackhaft. Kein Zweifel, die kulturelle und kulinarische Tradition des Landes ist mir mittlerweile sehr ans Herz gewachsen.

Deshalb kann ich Lukas und Hanka auch gut versehen: Beide sind ganz und gar Kinder ihrer Zeit, sprechen Fremdsprachen, haben Auslandserfahrungen und immer einen Labtop dabei. Und dennoch genießen sie es ganz offensichtlich, Woche für Woche in die Vergangenheit einzutauchen, in ein anderes Kapitel der tschechischen Geschichte, als von Faschisten und Kommunisten noch niemand etwas ahnte. Die Vergangenheit ist immer präsent, sie ist ein Teil des täglichen Lebens. Zwar ist es eine etwas verzerrte Geschichtswahrnehmung, die bestimmte Aspekte bewusst ausblendet. Doch als die Stimmung immer besser wird und die Lieder immer wilder, wissen alle, dass das nicht die schlechteste Art ist, sein kulturelles Erbe zu pflegen. =)

Samstag, 19. März 2011

Anti-Nazi-Demo Dresden

Samstag, 19.02.2011, 3.50: Eine Gruppe von acht Freiwilligen tritt auf die menschenleere Straße von Theresienstadt. Verschwiegen und im Laufschritt bewegen sie sich durch die stockfinstere Gedenkstätte, die früher ein NS-Ghetto und Konzentrationslager war. Bald verlassen sie die ehemalige Festung durch ein Tor. Sie sind auf dem Weg zum Bahnhof Bohusovice, von wo aus sie nach Dresden zu einer der größten Anti-Nazi-Demos Deutschlands fahren werden.

Gleicher Ort, gleiche Gruppe, ein Tag zuvor: Wir stehen um Jannik, der als Freiwilliger in der Gedenkstätte arbeitet. Hören, dass durch eben dieses Tor die Insassen, hauptsächlich Juden, in das Lager gelangten, völlig erschöpft von dem Gewaltmarsch mit 50 Kilo Gepäck vom Bahnhof Bohusovice ins Lager.

Keine Privatsphäre, ärmliche sanitäre Einrichtungen, bis zu 12 Stunden Zwangsarbeit täglich, willkürliche Verbreitung von Angst und Schrecken durch die SS, konstante Konfrontation mit Krankheit und Tod: So sah er aus, der Alltag der insgesamt 141184 Lagerinsassen, die zwischen 1941 und 1945 im Ghetto Theresienstadt interniert waren. Das Erschreckende ist, dass dennoch viele Holocaustüberlebende das Ghetto in guter Erinnerung behalten haben: nämlich diejenigen der
88 200, die anschließend in die großen Vernichtungslager im Osten deportiert wurden.

Auch in den Räumen, in denen wir für die Dauer des Seminars untergebracht sind, haben vor 70 Jahren Dutzende Menschen in dreistöckigen Betten gewohnt. Eine bessere Motivation für eine Anti-Nazi-Demo als drei Tage in Theresienstadt kann es nicht geben.

Selbst das entsetzlich frühe Aufstehen haben wir in Kauf genommen, denn wir wollen am liebsten vor den Nazis am Ort des Geschehens sein. Der Plan geht auf. Als wir in Dresden ankommen, ist der Bahnhof bis auf uns und einer ganzen Menge Polizisten menschenleer. Bei einer Tasse Kaffee kommen wir so langsam zu uns. Dann setzten wir uns in Bewegung in Richtung Marienbrücke, wo laut Internet eine Eröffnungskundgebung geplant ist. Illegal natürlich, denn im Gegensatz zu den gleich drei angemeldeten Naziaufmärschen wurde unsere Demonstration nicht offiziell genehmigt. Welch verkehrte Welt! Die Polizei soll die Nazis vor uns beschützen! Am Zugang zu den Gleisen werden von der Polizei unsere Tickets kontrolliert. Kurzes Herzklopfen, als sie auch unsere Plakate ansehen will. Wie ist das, Schilder mit sich zu führen, die ziemlich offensichtlich für eine nicht erlaubte Demo gedacht sind? Der kleine Maulwurf, die tschechische Berühmtheit aus dem Kinderprogramm, lächelt ihnen darauf entgegen und präsentiert Parolen wie „Nazis zum Nordpol“ und „Bei Nazis buddel ich noch nicht mal im Garten“. Vorsichtshalber zeigen wir mal nur die tschechische Version der Sprüche. Und werden durchgelassen. Erleichtert fahren wir los in Richtung Elbe.
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Auch an der Marienbrücke müssen wir erst mal eine Polizeikette durchqueren. Die Brücke ist abgeriegelt, ans andere Ufer kommt man schon nicht mehr. Eine beachtliche Menschenmenge hat sich bereits versammelt und wartet gespannt darauf, was passiert. Das ist zunächst einmal ziemlich wenig. Bis plötzlich die Polizei auch in die andere Richtung niemanden mehr durchlässt. Eingekesselt, isoliert stehen wir da, haben keine Ahnung, was rings um uns geschieht, und so langsam beschleicht mich die Angst, dass wir von hier nicht mehr wegkommen. Was, wenn wir hier den ganzen Tag in der Eiseskälte ausharren und tatenlos zusehen müssen, wie die Nazis ihren Blödsinn verbreiten?

Unsere lustigen, bunten Plakate werden überall mit einem Lächeln bedacht und dutzende Male fotografiert. Besonders die anwesenden Tschechen (und das sind gar nicht mal so wenige) freuen sich, wenn sie uns sehen –die jungen Kommunisten der Tschechoslowakei oder das Personal vom Tschechischen Rundfunk. Besonders lustig wird’s, als wir uns mit den Grünen aus Ustí nad Labem zusammenschließen – auch die schleppen „Krtecek“ auf einem riesigen Transparent vor sich her.

Irgendwann meldet irgendjemand unsere Kundgebung an. Damit sind wir nun nicht mehr illegal. Von einem Bühnenwagen aus werden abwechselnd politische Ansagen gemacht und Musik gespielt. Zwischendurch hat auch Claudia Roth einen kleinen Auftritt, sagt ein paar prägnante Sätze zum Opfermythos, der Verantwortung der Zivilbevölkerung im Kampf gegen Rechtsextremismus und endet mit „Alerta, alerta- Antifacista!“. Kurz darauf verwandelt sich die Kundgebung in eine Demonstration. Polizei, Demonstranten und Lautsprecherwagen setzten sich in Bewegung in Richtung Hauptbahnhof. „Wir sind hier, um die Naziaufmärsche zu stoppen, aber wenn wir nebenbei noch heimlich ein bisschen Spaß haben, stört das doch niemand“, meint ein Typ auf der fahrbaren Bühne. Und tatsächlich: Mit all den bunten Schildern, Transparenten und Plakaten, verkleideten und tanzenden Menschen und der lauten Musik aus den Boxen könnte man unsere Prozession leicht mit einem Karnevalsumzug verwechseln. Nazis sind wir immer noch nicht begegnet. Aber der lokale Radiosender, der nonstop über die Lage vor Ort informiert, berichtet, dass schon welche gesichtet wurden. Unter anderem am Hauptbahnhof. Allerdings verlässt sich der Sender allein auf Höreranrufe, die mitunter von allzu spektakulären Straßenkämpfen, brennenden Barrikaden und Wasserwerfer- und Pfeffersprayschlachten erzählen. Ganz vertrau ich den Infos nicht, aber immerhin erfahren wir auf diese Weise, dass es an anderen Schauplätzen anders zugeht als bei uns.

Unser kleiner Zug erreicht endlich den Bahnhof. Auch hier keine Spur von den Rechtsextremisten zu sehen. Dafür singt Konstantin Wecker. Meine Frustration wächst. Bringt es überhaupt irgendwas, was wir hier veranstalten? Plötzlich gibt es eine allgemeine Aufregung, die Menschenmasse verlagert sich wieder in Richtung Stadt und splittet sich auf. Jeder Passant, der uns auf der Straße entgegenkommt, hat eine andere Information. Wir irren ziellos umher, ständig auf der Suche nach einem Brennpunkt, einer sinnvollen Betätigung, nach den Nazis eben. Die aber halten sich bedeckt. Tine vermutet schon, es gäbe in Wirklichkeit gar keine Rechten und das Ganze sei nichts anderes als ein gewaltiges, geplantes soziologisches Experiment.

Da laufen uns plötzlich ein paar Mitglieder des linksautonomen Blocks entgegen. Schwarz gekleidet, vermummt und mit Schlagstöcken ausgestattet, gehören sie zu den unangenehmeren Erscheinungen auf dieser Demo. Ein paar Meter weiter entdecken wir, was die Aufregung verursacht hat. Von der Straße aus, in weiter Entfernung, sieht man, auf dem Bahnsteig einer S-Bahnhaltestelle, eine schwarz-weiß-rote Fahne wehen. Drum herum: Ein Pulk von ca. 30 Nazis. Es gibt sie also doch, die Menschen, die all das, was wir in den letzten Tagen erfahren haben, zu relativieren versuchen oder gar leugnen. Da stehen sie und skandieren irgendwelche Parolen, von denen man kein Wort versteht. Wüste Beschimpfungen fliegen durch die Luft, „Nazis raus!“ und „Verpisst euch!“ gehört noch zu den netteren Dingen, die die Rechten zu hören bekommen, und fast bin ich schon froh, das so viel Luft zwischen mir und ihnen liegt, denn auch mir wird vor lauter aufgestauter Aggression ganz anders. Dann wird die Horde von einer ebenso großen Gruppe Polizisten in einen Zug verfrachtet, und der ganze Spuk ist vorbei.

Wir huschen noch einige Zeit weiter durch die Stadt, ständig auf der Jagd nach neuen, aktuelleren Informationen. Irgendwann verbreitet sich die Nachricht, die Aufmärsche können heute endgültig nicht durchgeführt werden und die Nazidemonstration werde von der Polizei aufgelöst. Triumph! Ein paar Nazis wollen noch in einem weit entfernen Vorort von Dresden marschieren. Ein kleiner Rückschlag, den wir angesichts der erfolgreichen Blockade aber verkraften können. Zum zweiten Mal an diesem Tag kehren wir in ein Café ein und feiern unseren Sieg über den Faschismus. So langsam beruhigen sich die Gemüter auch wieder. Klar, man kann Nazidemonstrationen nicht einfach so verbieten. Meinungsfreiheit und so. Aber wer sagt, dass die Zivilgesellschaft das einfach so hinnehmen muss?

Dann müssen wir noch unsere Plakate loswerden- man könnte ja auf dem Heimweg ein paar Nazis über den Weg laufen. Tine biete sie großzügig ein paar Linksautonomen an. Reaktion: Angsterfüllte Augen und energisches Kopfschütteln. So findet unser Krtek an einem Bauzaun in Dresden sein neues Zuhause.

Das Fazit zu diesem Tag steht auf dem Plakat, das ein etwa achtjähriges Kind in die Höhe hält, zu lesen. Auf dem Plakat steht: „Nazis sind doof.“.

Dienstag, 8. März 2011

Ein Tag wie jeder andere

Unmittelbar nach jeder Katastrophe gibt es einen kurzen Moment, ein paar kleine, flüchtige Sekunden, in denen einem ihr ganzes Ausmaß mit allen Folgen, Schmerzen und Entbehrungen glasklar vor Augen steht. Ich war kaum nach meinem Fahrradunfall auf dem Boden aufgeschlagen, schon war mir sonnenklar: Der schöne Ausflug ist zu Ende, die Ferien sind gelaufen, ich werde etliche Tage im Krankenhaus verbringen und wahrscheinlich bleibende Schäden davontragen. In diesem Augenblick weiß man genau, dass nichts mehr so sein wird, wie es war. Aber nur solange, bis die psychische Selbstschutzmaschinerie anfängt, den Geist in eine Art Lotterzustand zu versetzen und uns das Gegenteil vorzuspiegeln.

Auch heute war alles wie immer. Wir standen an der Haltestelle, ich mit meinen Schutzbefohlenen. Ich hielt nach der Straßenbahn Ausschau und unterhielt mich mit E.. Ach was, unterhalten, Unfug haben wir gemacht: Die Augen ganz weit aufreißen und sich dem anderen nähern, bis das Bild unscharf wird. Genauso unscharf wie E.s Pupillen sehe ich aus den Augenwinkeln N.s Silhouette, wie sie schwankt, stolpert und an den viel zu nahe stehenden Straßenbahnwagen kippt, der sich just in diesem Moment in Bewegung setzt. Ganz scharf sehe ich wenige Millisekunden später, wie N., zwischen Fahrzeug und Erde hängend, über den Asphalt gezogen wird.

Und da ist er wieder, der nüchterne Verstand in all seiner Brutalität: Mit ein paar Gliedmaßen weniger wird N. in Zukunft auskommen müssen. Vielleicht wird sie im Rollstuhl sitzen. Alle werden davon erfahren, wie schändlich die junge deutsche Freiwillige ohne Erfahrung ihre Pflicht vernachlässigt hat. Im Wohnheim werden sie mir nie mehr vertrauen. Ich werde N.s Eltern nicht mehr in die Augen schauen können, nie mehr werde ich ohne Angst mit den Klienten an einer Straßenbahnhaltestelle stehen. Wenn sie mich überhaupt noch mit den Klienten fahren lassen, wenn ich meinen Dienst überhaupt fortsetzen darf…! Die Schreckensvision dauert genauso lange, bis die Straßenbahn gebremst hat, ich zu N. gespurtet und ihren Rucksack aus dem Fahrgestell befreit habe. Dann wird sie verdrängt von zitternden Knien, rasendem Puls und der dicken Nebelsuppe in meinem Kopf, die jede rationale Analyse des Geschehenen unmöglich macht und mich den ganzen restlichen Weg bis zur Tagesstätte lähmt.

Zum Glück neigt auch der nüchterne Verstand ab und an zu Übertreibungen. Eigentlich ist nichts geschehen: Alle Gliedmaßen sind noch da, keine Platzwunde, nicht mal einen kleinen Kratzer hat N. abbekommen. Nur die Jacke ist schmutzig von Maschinenöl und Straßenstaub, worüber sich N. sogleich lautstark beschwert. N. kann nicht reden, aber sie teilt sich dennoch gerne und umfangreich mit. Gestern habe ich sie noch gefragt, wie es am Sonntag in der Kirche war. Ihre Antwort: Ein energisches „Brrrrr!!!“, kombiniert mit der Simulation eines heftigen Schüttelfrostes. Mehr Informationen braucht kein Mensch. Der Unfall lässt sie relativ kalt, die ständige Frage nach ihrem Wohlbefinden fängt sie recht bald an zu nerven. Sie weiß ja auch nicht, dass es nur Glück war, reines Glück, oder Gottes Wille, dass nicht mehr passiert ist. – Es hätte genauso gut viel schlimmer kommen können. Und das alles nur, weil ich nicht aufgepasst habe, weil ich nicht genau hingesehen habe, weil ich N. nicht darauf hingewiesen habe, dass sie viel zu nahe an der Straßenbahn steht. Ich hätte aufpassen müssen, ich hätte es sehen müssen, ich hätte etwas sagen müssen. In der Effeta und auch später in meinem Wohnheim sind alle schrecklich nett. Sie sagen, dass ich nichts dafür kann, dass man seine Augen nicht überall haben kann, dass man keine Maschine ist, dass es jedem passieren kann. Und sie sind erleichtert, dass es nicht ihnen passiert ist. Nein, mir ist es passiert. Ich weiß nicht, soll ich ihnen glauben? Kann ich so schlecht Schuldgefühle ertragen? Oder haben sie Recht, und ich gräme mich eigentlich ohne Grund? Ich kann es nicht sagen. Selbstvorwürfe oder Selbstmitleid? Ich weiß noch nicht einmal, was schlimmer ist.

Völlig bedropst stehe ich in der Mitte des Raumes. Da plötzlich, ganz unvermittelt, kommt T., ein anderer Klient, der nicht sprechen kann, auf mich zu, nimmt mich in den Arm und drückt mich fest. Und lässt mich nicht mehr los.

Jetzt ist alles anders. Alle haben davon erfahren. Ich darf vorerst mit einigen Klienten nicht mehr alleine unterwegs sein, zumindest, bis offiziell geklärt ist, ob Freiwilligen das gesetzlich überhaupt erlaubt ist, oder alle Eltern eine Einverständniserklärung gegeben haben. N.s Eltern sind krank vor Sorge. Aber alles wird wieder gut, irgendwann. Oder?

Sonntag, 6. März 2011

Ples Zabek - Radost, zábava, legrace, vyrazení (zu deutsch: Spaß, Spaß, Spaß und Spaß auf dem Zabky-Ball)

Was macht man so als Freiwillige den ganzen Tag lang? Zum Beispiel sich auf dem integrativen Ball des Zabky-Gemeinschaft amüsieren. Ein gesellschaftliches Highlight der ganz besonderen Art! Ein paar kleine Eindrücke:
Tanz zu Countrymusik - der Kreativität sind keine Grenzen gesetzt!


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Finde den Unterschied!


Danse contemporain


Jüdische Tänze: leicht zu lernen, massentauglich und sooo lustig!


Schickeria


Two new stars were born...


...und Elvis lebt!


Fast das ganze Chranené Bydlení Zabovreska (im Ausnahmezustand)

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Eva W. - 12. Jul, 13:24

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Lieber Herr Prof. Ehrle,...
Lieber Herr Prof. Ehrle, vielen Dank für ihr fortgesetztes...
evamariawalther2 - 18. Sep, 13:51
https://www.asf-ev.de/de/e inblicke/lebenszeichen-vom -freiwilligendienst/eva-ma ria-walther.html
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EvaMariaWalther - 10. Jun, 18:30
Nachtrag: Ganze 1 1/2...
Nachtrag: Ganze 1 1/2 Wochen hat meine Fahrsperre gedauert....
EvaMariaWalther - 10. Mrz, 23:26
https://www.asf-ev.de/de/e inblicke/lebenszeichen/eva -maria-walther.html
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EvaMariaWalther - 10. Mrz, 23:21
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EvaMariaWalther - 2. Sep, 22:29

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